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Sololiteratur für den Kontrabass

Der Kontrabass ist als Soloinstrument recht unpopulär. Am ehesten ist ist es bekannt, wenn er im Jazzbereich ein Solo zupft. Dies ist auch nicht zu verdenken. Aufgrund der sehr tiefen Stimmlage ist er als Begleitinstrument besser geeignet. Durch die Größe ist es grifftechnisch auch überaus schwierig, virtuose Partien auf ihm zu spielen. Trotzdem hat es immer wieder Bassisten gereizt, diesem Instrument das extremste abzuverlangen. Denn trotz seiner tiefen Stimmlage hat der Kontrabass klanglich seinen ganz eigenen Charme.
Mit einigen ausgewählten Beispielen möchte ich ihnen diesen wenig bekannten Bereich des Kontrabasses etwas näher beleuchten. Vorab gibt es aber beim Kontrabass mal wieder etwas besonderes...

Die Solostimmung

Die Solostimmung der Saiten beim Kontrabass verwirrt manchmal sogar andere Profi-Instrumentalisten. Um es kurz darzustellen:
Damit man bei Solowerken einen brillianteren Klang bekommt, benutzen die Kontrabassisten seit etwa Mitte des 19. Jahrhunderts dünnere Saiten, die einen Ganzton höher gestimmt werden als die normale Orchesterstimmung. Für die Ausführung bedeutet dies nichts, jeder spielt wie gewohnt auf seinem Instrument, so wie notiert. Da der Kontrabass aber einen Ganzton höher klingt, müssen die anderen Begleitinstrumente einen Ganzton höher notiert sein als der Solokontrabass. Also, der Solokontrabass ist z.B. in D- Dur notiert, alle anderen Begleitinstrumente sind aber in E- Dur notiert, und da das Stück in E- Dur erklingt heißt es auch Konzert in E-Dur, und nicht so wie der Kontrabass notiert ist.
Verwirrt ? ...macht nichts.

Aber ich muß das erwähnen, damit nicht jemand mit Notenkenntnissen bei den folgenden Beispielen über "angeblich" falsche Tonartangaben stolpert.



Die ersten Konzerte / frühe Wiener Klassik

Etwa ab 1750 entwickelte sich eine Epoche, die man heute als Wiener Klassik bezeichnet. In der Frühphase dieser Epoche entstanden die ersten Solo-Werke für Kontrabass. Die frühe Wiener Klassik hatte aber ganz andere spieltechnische Voraussetzungen als heute, was auch Thema meiner Diplomarbeit war. Die Instrumente waren anders gestimmt und auch beschaffen. Vieleicht habe ich mal Zeit zu dieser Epoche eine eigene Seite zu erstellen, die dann sicher eher was für Insider ist. Die Konzerte werden heute in Bearbeitungen für moderne Instrumente gespielt.

Mit Beginn des 19. Jahrhunderts gingen diese Werke verloren und wurden erst Anfang des 20. Jahrhunderts wieder entdeckt. Zu erwähnen sind hier folgende Komponisten/Musiker dieser Epoche: Besonders Sperger ist es zu verdanken, daß uns durch Abschriften von ihm auch die Kontrabasswerke Dittersdorfs erhalten blieben. Sperger ist heutzutage leider recht unbekannt, dabei war er ein herausragender Virtuose seiner Zeit, der das Kontrabass-Spiel wie keiner vor ihm perfektionierte. Seine selbstgeschriebenen Kontrabasskonzerte weisen einen erstaunlich fortgeschrittenen Anspruch an die Spieltechnik auf, wie ich es selbst anhand einer Abschrift eines Autographen des 15. Kontrabasskonzerts im Rahmen meiner Diplomarbeit feststellen konnte. Von Spergers 18 Kontrabasskonzerten ist bis heute meines Wissens nach keines editiert worden. Sperger komponierte auch zahlreiche Sinfonien und Kammermusikwerke.

Für die Kontrabassisten heute sind drei Konzerte dieser Epoche wichtig geworden: Eines dieser 3 Stücke ist heute bei jedem Probespiel Pflichtkonzert.
Die ersten Takte des Dittersdorfkonzertes kann ich ihnen nicht vorenthalten, es begleitet den Studierenden das ganze Studium hindurch. Den Kontrabassisten ist vorrangig die Bearbeitung von Franz Tischer-Zeitz von 1938 bekannt, erschienen bei Schott. Diese zeige ich auch hier.



Sieht nicht besonders wild aus, aber ich versichere, daran kann man bis zur Verzweiflung üben.
Inwischen ist im Hoffmeister Verlag/Hofheim Leipzig eine Neubearbeitung des Konzerts von Klaus Trumpf erschienen. Trumpf nimmt sich hier den Ursprüngen der verloren gegangenen Terz-Quart Stimmung an, und hat das Konzert in D-Dur umgeschrieben. Einzelne Passagen sind dadurch komplett zur Tischer-Zeitz Ausgabe geändert und im wesentlichen der Urstimme wieder angeglichen. Den Stimmen ist auch ein Faksimile-Druck der Original Abschrift Spergers beigefügt.

Erwähnenswert ist hier noch das Kontrabasskonzert von Antonio Capuzzi (1753-1818). Lange Zeit waren das Stück und der Komponist in Vergessenheit geraten. Doch zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde dies Konzert im British Museum wiedergefunden. Es ist Marcantonio Montenigo gewidmet, einem Solisten jener Zeit und es ist wohl in einer Periode in Venedig entstanden, in der Capuzzi am Orchester von San Marco mit Domenico Dragonetti zu tun hatte, siehe auch: Capuzzis Life
Vielen Studierenden ist das Konzert in der F-Dur Fassung von Francis Baines von 1938 bekannt, erschienen bei Boosey and Hawkes. 1969 brachte Rodney Slatford bei der Yorke Edition eine überarbeitete Version von Lucio Buccarella in D-Dur heraus.

Die "Italiener"

Im 19. Jahrhundert ragen 2 berühmte Kontrabassvirtuosen hervor:
Domenico Dragonetti und Giovanni Bottesini
Domenico Dragonetti (1763-1846) wuchs in Italien auf und siedelte später nach London um. Er war ein gefeierter Kontrabassvirtuose seiner Zeit und schrieb unter Anderem etliche Solostücke für Kontrabass. In Wien soll er mit Beethoven zusammengetroffen sein. Es wird vermutet, daß die zum Teil technisch sehr anspruchsvollen Orchesterpassagen des Kontrabasses in Beethovens Werken auf die Kenntnis von Dragonettis Spielkunst zurückzuführen sein könnten.
Bekannt ist sein schönes "Andante und Rondo", das "Solo in D-Dur" oder das "famous Solo in e-minor". Unter Studenten ist das "Studienkonzert D-Dur" unumgänglich.

Giovanni Bottesini (1821-1889) ist der herausragendste Kontrabassvirtouse überhaupt. Auf die Frage, warum er ausgerechnet den Kontrabass als Solo-Instrument erlernt habe, und nicht Cello, soll er geantwortet haben: "...weil es viel schwieriger ist". Natürlich scheint es sich hierbei eher um eines der vielen Gerüchte zu seiner Person zu handeln, denn Bass erlernte er wohl mangels eines Stipendiums für Geige.
In die Geschichte ging Bottesini aber auch als Dirigent ein. Er leitete die Uraufführung der Aida zur Eröffnung des Suezkanals 1871. Außerdem komponierte er Opern, Vokalwerke und Kammermusik.
Bottesini schrieb die anspruchsvollsten Stücke für Kontrabass überhaupt, und das schlimme war, er konnte sie auch sogar spielen. Unter Kontrabassisten ist sein h-moll Konzert eine Herausforderung, die erstmal gemeistert werden will. Aber auch eine Unzahl von Variationen und Bearbeitungen von Gesangspassagen aus Opern (!) für Kontrabass stellen jedesmal eine Herausforderung dar.
Bottesini stimmte aber sein 3-saitiges Instrument teilweise bis zu einer Quarte höher ein. Mit ihm setzte sich die heute geläufige Solostimmung einen Ganzton höher durch.
Wikipdia berichtet ausführlich über Bottesini.

20. Jahrhundert

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts tat sich ein ganz außergewöhnlicher Mann in der Musikszene hervor: Sergej Koussevitzki
Koussevitzki begann seine Karriere als Kontrabassvirtouse und Dirigent in Russland und Europa, bevor er Anfang der zwanziger Jahre nach Amerika übersiedelte. Dort übernahm er 1924 die Leitung der Bostoner Sinfoniker, die er bis 1949 innehaben sollte. In Boston ist er heute noch ziemlich bekannt. Außerdem gründete er das Tanglewood Music Festival. Zu Bernstein soll er ein sehr gutes Verhältnis gehabt haben.
Auch Koussevitzki tat sich als Komponist hervor. Im Kompositionsstil reiht er sich in die Spätromantik ein, und es sind Ähnlichkeiten zu Rachmaninov erkennbar. Koussevitzki verdanken wir das wunderschöne fis-moll Konzert Opus 3, aber auch kleinere Stücke, von denen hier die "Chanson Triste" und die "Valse miniature" erwähnenswert sind.


Im weiteren 20. Jahrhundert entwickelte sich die Musik rasant. Die "Sonate für Kontrabass und Klavier" von Paul Hindemith von 1949 stellt einen weiteren Eckpfeiler in der Kontrabass Solo-Literatur dar.

Die sogenannte Moderne entdeckte dann den Kontrabass für sich. Mit seinem ganz eigentümlichen Klang und der durch die Größe gegebenen unglaublichen Vielfalt der Klangerzeugung sprudelten erneut Solowerke für Kontrabass aus der Komponistenfeder.
Hier seien nur einige aufgeführt:


tinc